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Rechtsprechung · Gerichtshof der Europäischen Union

EuGH, Beschluss vom 22.09.2016 – C-130/16 P

Anastasia-Soultana Gaki gegen Europäische Kommission. Rechtsmittel – Art. 181 der Verfahrensordnung des Gerichtshofs – Nichtigkeitsklage – Klage gegen die Weigerung der Europäischen Kommission, ein Vertragsverletzungsverfahren einzuleiten – Antrag auf Erlass einer Anordnung gegenüber einem Organ der Europäischen Union – Antrag auf Schadensersatz.
Spruchkörper
Zehnte Kammer
ECLI
ECLI:EU:C:2016:731

Tenor

1. Das Rechtsmittel wird zurückgewiesen.

2. Frau Anastasia-Soultana Gaki trägt ihre eigenen Kosten.

Gründe

Randnummer 1

Mit ihrem Rechtsmittel begehrt Frau Anastasia-Soultana Gaki die Aufhebung des Beschlusses des Gerichts der Europäischen Union vom 16. Dezember 2015, Gaki/Kommission (T-547/15, nicht veröffentlicht, im Folgenden: angefochtener Beschluss, EU:T:2015:1021), mit dem das Gericht ihre Klage abgewiesen hat, die darauf gerichtet war,

– der Europäischen Kommission aufzugeben, die Speicherung von Daten, die Frau Gaki betreffen, im Schengener Informationssystem zu blockieren,

– festzustellen, dass die Kommission es rechtswidrig unterlassen hat, gegen die Bundesrepublik Deutschland, die Hellenische Republik, das Großherzogtum Luxemburg, die Republik Österreich und das Fürstentum Liechtenstein ein Vertragsverletzungsverfahren einzuleiten, das die Ausstellung eines Europäischen Haftbefehls gegen Frau Gaki durch die griechischen Behörden und die Speicherung von Daten über sie im Schengener Informationssystem betrifft,

– ihr Schadensersatz zuzusprechen.

Vorgeschichte des Rechtsstreits

Randnummer 2

Die Hellenische Republik erließ am 11. Februar 2011 einen Europäischen Haftbefehl gegen die Rechtsmittelführerin. Der Haftbefehl erging im Rahmen der Verfolgung von Straftaten der Geldwäsche und der Korruption.

Randnummer 3

Die Rechtsmittelführerin wies die gegen sie erhobenen Anschuldigungen zurück und rügte bei der von der Hellenischen Republik gemäß Art. 7 Abs. 2 der Verordnung (EG) Nr. 1987/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über die Einrichtung, den Betrieb und die Nutzung des Schengener Informationssystems der zweiten Generation (SIS II) (ABl. 2006, L 381, S. 4) bestimmten Behörde, die den Austausch aller Zusatzinformationen gewährleistet, dass die griechischen Behörden ihre Vorladungen bewusst an falsche Adressen geschickt und aufgrund des Ausbleibens einer Antwort auf diese Vorladungen einen Europäischen Haftbefehl gegen sie erlassen hätten. Diese Behörde antwortete am 30. Dezember 2012, dass sie weder die Aufhebung eines Haftbefehls anordnen noch die Speicherung von Daten im Schengener Informationssystem aussetzen könne.

Randnummer 4

Am 23. April 2015 legte die Rechtsmittelführerin bei der Kommission eine Beschwerde ein, mit der sie die Einleitung eines Vertragsverletzungsverfahrens gegen die Bundesrepublik Deutschland, die Hellenische Republik, das Großherzogtum Luxemburg, die Republik Österreich und das Fürstentum Liechtenstein beantragte, weil diese Staaten den gegen sie erlassenen Haftbefehl in ihr nationales Informationssystem eingetragen hätten, ohne dass die Eintragung rückgängig gemacht werden könne.

Randnummer 5

Mit Schreiben vom 13. Juli 2015 lehnte die Kommission diesen Antrag ab.

Verfahren vor dem Gericht und angefochtener Beschluss

Randnummer 6

Mit Klageschrift, die am 14. September 2015 bei der Kanzlei des Gerichts einging, erhob die Rechtsmittelführerin Klage beim Gericht.

Randnummer 7

Mit dem angefochtenen Beschluss hat das Gericht die Klage nach Art. 126 seiner Verfahrensordnung mit der Begründung abgewiesen, dass es zum einen nicht für die Entscheidung über die Klage zuständig oder diese jedenfalls offensichtlich unzulässig sei und dass die Klage zum anderen offensichtlich unbegründet sei.

Anträge der Rechtsmittelführerin

Randnummer 8

Mit ihrem Rechtsmittel beantragt die Rechtsmittelführerin,

– den angefochtenen Beschluss aufzuheben und

– der Kommission aufzugeben, eine neue Entscheidung zu erlassen.

Zum Rechtsmittel

Randnummer 9

Ist ein Rechtsmittel ganz oder teilweise offensichtlich unzulässig oder offensichtlich unbegründet, kann der Gerichtshof es nach Art. 181 seiner Verfahrensordnung jederzeit auf Vorschlag des Berichterstatters und nach Anhörung des Generalanwalts ganz oder teilweise durch mit Gründen versehenen Beschluss zurückweisen.

Randnummer 10

Diese Bestimmung ist im Rahmen des vorliegenden Rechtsmittels anzuwenden.

Randnummer 11

Die Rechtsmittelführerin stützt ihr Rechtsmittel im Wesentlichen auf fünf Gründe.

Zu den Rechtsmittelgründen 1 bis 4

Randnummer 12

Mit ihren Rechtsmittelgründen 1 bis 4, die zusammen zu prüfen sind, macht die Rechtsmittelführerin zum einen geltend, dass sich das Gericht in den Rn. 5 und 6 des angefochtenen Beschlusses im Rahmen seiner Kontrolle der Rechtmäßigkeit des Schreibens der Kommission vom 13. Juli 2015 zu Unrecht für nicht befugt erklärt habe, gegenüber diesem Organ Anordnungen zu erlassen.

Randnummer 13

Zum anderen rügt die Rechtsmittelführerin, dass das Gericht in den Rn. 7 und 8 des angefochtenen Beschlusses ihre Klage zu Unrecht als Untätigkeitsklage eingestuft habe, während es sich um eine Klage auf Nichtigerklärung des genannten Schreibens gehandelt habe, die das Gericht im Anschluss an die Feststellung, dass die Weigerung der Kommission, tätig zu werden, gegen das Unionsrecht verstoße, für zulässig und begründet hätte erklären müssen.

Randnummer 14

Zu dem Vorbringen, das Gericht habe sich im Rahmen seiner Kontrolle der Rechtmäßigkeit des Schreibens der Kommission vom 13. Juli 2015 zu Unrecht für nicht befugt erklärt, gegenüber diesem Organ Anordnungen zu erlassen, ist darauf hinzuweisen, dass das Gericht – wie es in Rn. 6 des angefochtenen Beschlusses hervorgehoben hat – nach ständiger Rechtsprechung im Rahmen der Rechtmäßigkeitskontrolle aufgrund von Art. 263 AEUV nicht befugt ist, gegenüber den Organen, Einrichtungen und sonstigen Stellen der Europäischen Union Anordnungen zu erlassen (Beschlüsse vom 26. Oktober 1995, Pevasa und Inpesca/Kommission, C-199/94 P und C-200/94 P, EU:C:1995:360, Rn. 24, und vom 4. Juni 2015, Mirelta Ingatlanhasznosító/Kommission und Bürgerbeauftragter, C-576/14 P, nicht veröffentlicht, EU:C:2015:370, Rn. 15).

Randnummer 15

Dem Gericht kann daher nicht vorgeworfen werden, insoweit einen Rechtsfehler begangen zu haben.

Randnummer 16

Daher ist das genannte Vorbringen als offensichtlich unbegründet zurückzuweisen.

Randnummer 17

Hinsichtlich des übrigen Vorbringens der Rechtsmittelführerin ist festzustellen, dass sich natürliche oder juristische Personen, wie das Gericht in Rn. 7 des angefochtenen Beschlusses ausgeführt hat, auf Art. 265 Abs. 3 AEUV nur berufen können, um die Feststellung zu erwirken, dass ein Organ, eine Einrichtung oder eine sonstige Stelle der Union es unter Verletzung des Vertrags unterlassen hat, andere Akte als Empfehlungen oder Stellungnahmen zu erlassen, deren Rechtmäßigkeit sie mit einer Nichtigkeitsklage anzufechten befugt sind (vgl. in diesem Sinne Beschluss vom 30. März 1990, Emrich/Kommission, C-371/89, EU:C:1990:158, Rn. 5, und Urteil vom 26. November 1991, T. Port, C-68/95, EU:C:1996:452, Rn. 58 und 59).

Randnummer 18

Nach einer vom Gericht in Rn. 8 des angefochtenen Beschlusses angeführten ständigen Rechtsprechung des Gerichtshofs ist hingegen eine Klage, mit der Einzelne die Weigerung der Kommission angreifen, gegen einen Mitgliedstaat ein Vertragsverletzungsverfahren einzuleiten, unzulässig (Beschlüsse vom 12. Juni 1992, Asia Motor France/Kommission, C-29/92, EU:C:1992:264, Rn. 21, und vom 15. Dezember 2011, Altner/Kommission, C-411/11 P, nicht veröffentlicht, EU:C:2011:852, Rn. 8).

Randnummer 19

Folglich war in Anbetracht der ständigen Rechtsprechung zu den Art. 263 und 265 AEUV – selbst wenn das Schreiben der Kommission vom 13. Juli 2015 als eine von einem Einzelnen anfechtbare Handlung im Sinne von Art. 263 Abs. 4 AEUV angesehen werden könnte – die von der Rechtsmittelführerin erhobene Klage jedenfalls unzulässig, unabhängig davon, ob man sie als Untätigkeitsklage oder als Nichtigkeitsklage auffasst (vgl. in diesem Sinne Beschluss vom 29. April 2014, Meister, C-24/14 AJ, nicht veröffentlicht, EU:C:2014:290, Rn. 12 bis 17).

Randnummer 20

Daher ist das Vorbringen, das Gericht habe die von der Rechtsmittelführerin erhobene Klage zu Unrecht als Untätigkeitsklage eingestuft, als ins Leere gehend zurückzuweisen.

Randnummer 21

Nach alledem ist das Vorbringen, das Gericht hätte die von der Rechtsmittelführerin erhobene Nichtigkeitsklage für zulässig erklären und feststellen müssen, dass die Weigerung der Kommission, tätig zu werden, gegen das Unionsrecht verstoße, als offensichtlich unbegründet zurückzuweisen.

Randnummer 22

In Anbetracht dessen sind die Rechtsmittelgründe 1 bis 4 als offensichtlich unbegründet zurückzuweisen.

Zum fünften Rechtsmittelgrund

Randnummer 23

Mit ihrem fünften Rechtsmittelgrund macht die Rechtsmittelführerin geltend, das Gericht habe ihrem Antrag auf Schadensersatz zu Unrecht nicht stattgegeben, denn sie habe in ihrer Klageschrift Art und Umfang des entstandenen Schadens sowie den Kausalzusammenhang zwischen diesem Schaden und der Weigerung der Kommission, gegen die betreffenden Mitgliedstaaten ein Vertragsverletzungsverfahren einzuleiten, rechtlich hinreichend dargelegt.

Randnummer 24

Das Gericht hat in Rn. 10 des angefochtenen Beschlusses im Wesentlichen entschieden, dass die Kommission nicht zur Einleitung eines Vertragsverletzungsverfahrens nach Art. 258 AEUV verpflichtet sei und ihre insoweit an die Rechtsmittelführerin gerichtete Weigerung somit jedenfalls nicht rechtswidrig sei, so dass eine der nach ständiger Rechtsprechung erforderlichen Voraussetzungen für die Entstehung der außervertraglichen Haftung der Union nicht vorliege (vgl. in diesem Sinne Beschluss vom 13. Mai 1990, Asia Motor France/Kommission, C-72/90, EU:C:1990:230, Rn. 13 und die dort angeführte Rechtsprechung).

Randnummer 25

Wie aus Rn. 23 des vorliegenden Beschlusses hervorgeht, wiederholt die Rechtsmittelführerin mit ihrem fünften Rechtsmittelgrund lediglich ihre insoweit bereits dem Gericht vorgetragenen Argumente, ohne jedoch Gründe zu nennen, denen entnommen werden kann, dass das Gericht durch die Zurückweisung dieser Argumente einen Rechtsfehler begangen hätte.

Randnummer 26

Folglich ist der fünfte Rechtsmittelgrund als offensichtlich unzulässig zurückzuweisen.

Randnummer 27

Da keiner der von der Rechtsmittelführerin vorgebrachten Rechtsmittelgründe durchgreift, ist das Rechtsmittel insgesamt zurückzuweisen.

Kosten

Randnummer 28

Nach Art. 137 der Verfahrensordnung, der nach ihrem Art. 184 Abs. 1 auf das Rechtsmittelverfahren anzuwenden ist, wird in dem das Verfahren beendenden Beschluss über die Kosten entschieden. Da der vorliegende Beschluss erlassen wurde, ohne dass das Rechtsmittel der Beklagten im ersten Rechtszug zugestellt worden wäre, ist zu entscheiden, dass die Rechtsmittelführerin ihre eigenen Kosten trägt.

Zitierte Vorschriften

Wortlaut aus der amtlichen Veröffentlichung des Gerichts. Leitsätze des Gerichts, keine Leitsätze oder Anmerkungen von Verlagen.

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