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Rechtsprechung · Bundespatentgericht

BPatG, Beschluss vom 10.07.2017 – 20 W (pat) 41/14

Patenteinspruchsbeschwerdeverfahren – "Vorrichtung und Verfahren zur Nutzung von Audio-Plugins in einem Mischpult" – zur Rückzahlung der Beschwerdegebühr – schwerwiegender Begründungsmängel – widersprechende Auslegungen des Patentgegenstandes
Spruchkörper
20. Senat
Normenkette
§ 80 Abs 3 PatG

Tenor

In der Beschwerdesache

…

betreffend das Patent 10 2007 016 274

hat der 20. Senat (Technischer Beschwerdesenat) des Bundespatentgerichts auf die mündliche Verhandlung vom 10. Juli 2017 durch den Vorsitzenden Richter Dipl.-Phys. Dr. Mayer, den Richter Dipl.-Ing. Gottstein, den Richter Dipl.-Ing. Musiol und die Richterin Dorn

beschlossen:

1. Auf die Beschwerde der Einsprechenden wird der Beschluss der Patentabteilung 35 des Deutschen Patent- und Markenamts vom 23. Mai 2014 aufgehoben und das Patent 10 2007 016 274 widerrufen.

2. Die Rückzahlung der Beschwerdegebühr wird angeordnet.

Gründe

I.

Randnummer 1

Auf die am 4. April 2007 eingereichte Patentanmeldung wurde vom Deutschen Patent- und Markenamt das Patent 10 2007 016 274 mit der Bezeichnung „Vorrichtung und Verfahren zur Nutzung von Audio-Plugins in einem Mischpult“ erteilt. Die Patenterteilung wurde am 7. Februar 2013 im Patentblatt veröffentlicht. Das Patent umfasst insgesamt 12 Patentansprüche.

Randnummer 2

Gegen das Patent hat die Einsprechende am 7. Mai 2013 Einspruch erhoben, mit dem der vollständige Widerruf des Patents begehrt wurde. Der Einspruch stützt sich auf den Widerrufsgrund der fehlenden Patentfähigkeit (§ 21 Abs. 1 Nr. 1 PatG) und nennt zur Begründung folgende Druckschriften:

Randnummer 3

D1 DE 101 46 887 A1,

Randnummer 4

D2 US 2002 / 0 065 568 A1,

Randnummer 5

D3 US 2006 / 0 152 398 A1,

Randnummer 6

D4 US 2007 / 0 046 980 A1,

Randnummer 7

D5 VDI Lexikon-Auszug, ISBN 3-540-63249-2 Springer Verlag, 1999,

Randnummer 8

D6 AWS 900+ Manual, Initial release (0A) März 2006,

Randnummer 9

D7 02R96 Version 2 Owners-Manual, 2004,

Randnummer 10

D8 Cantus Handbuch Teil 1, Berlin, mit Copyrightangabe 2003,

Randnummer 11

D9 Cantus Handbuch Teil 2, Berlin, mit Copyrightangabe 2003,

Randnummer 12

D10 Auszug aus Wikipedia zu RDP,

Randnummer 13

D11 Auszug aus Microsoft-Internetauftritt zu RDP,

Randnummer 14

D12 EP 1 507 359 A1,

Randnummer 15

D13 WO 2004/ 079486 A2,

Randnummer 16

D14 WO 2003/ 087980 A2,

Randnummer 17

D15 DE 43 33 954 A1 und

Randnummer 18

Anlage A (handschriftlich markierte Seite 54 der D8).

Randnummer 19

Davon waren im Prüfungsverfahren die Druckschriften D1 bis D4 in Betracht gezogen worden.

Randnummer 20

Mit am Ende der Anhörung vom 23. Mai 2014 verkündetem Beschluss hat die Patentabteilung 35 des Deutschen Patent- und Markenamts das Patent aufrechterhalten. Sie hielt den Einspruch zwar für zulässig, in der Sache jedoch für unbegründet, insbesondere, weil der im Verfahren befindliche Stand der Technik dem Gegenstand des Patents nicht patenthindernd entgegenstehe. Der schriftlich begründete Beschluss wurde der Einsprechenden am 30. Juli 2014 zugestellt.

Randnummer 21

Hiergegen wendet sich die Einsprechende mit ihrer am 29. August 2014 eingelegten Beschwerde.

Randnummer 22

Sie ist der Auffassung, sowohl der Gegenstand des Patentanspruches 1 als auch der Gegenstand des nebengeordneten Patentanspruches 4 beruhten jedenfalls nicht auf einer erfinderischen Tätigkeit.

Randnummer 23

Die Einsprechende und Beschwerdeführerin beantragt,

Randnummer 24

den Beschluss der Patentabteilung 35 des Deutschen Patent- und Markenamts vom 23. Mai 2014 aufzuheben und das Patent 10 2007 016 274 in vollem Umfang zu widerrufen,

Randnummer 25

ferner,

Randnummer 26

die Rückzahlung der Beschwerdegebühr anzuordnen.

Randnummer 27

Die Patentinhaberin und Beschwerdegegnerin, für die - wie mit Schriftsatz vom 6. Juli 2017 angekündigt - niemand zum Termin erschienen ist, hat mit genanntem Schriftsatz beantragt,

Randnummer 28

die Beschwerde zurückzuweisen.

Randnummer 29

Sie ist der Ansicht, dass der Gegenstand des erteilten Patents patentfähig sei.

Randnummer 30

Der geltende erteilte Patentanspruch 1 lässt sich wie folgt gliedern:

Randnummer 31

M1 Vorrichtung zur Nutzung von Audio-Plugins in einem digitalen Mischpult welche umfasst:

Randnummer 32

M1.1 ein digitales Mischpult (2) und

Randnummer 33

M1.2 einen Rechner.

Randnummer 34

M2 Das digitale Mischpult weist auf:

Randnummer 35

M2.1 eine Bedieneinheit (2.5),

Randnummer 36

M2.2 eine Signale verarbeitende Elektronik (2.1) und

Randnummer 37

M2.3 ein mehrere Effekt-Slots beinhaltendes Steuersystem (2,2), welches zur Zuweisung von Audio-Plugins zu jeweils einem Effekt-Slot ausgebildet ist.

Randnummer 38

M3.1 Der Rechner weist eine Audio-Schnittstelle (1.1) auf,

Randnummer 39

M3.2 auf dem Rechner sind Audio-Plugins (1.2.1, 1.2.2) installierbar und

Randnummer 40

M3.3 auf dem Rechner (1) ist ein Audio-Plugin-Host (1.2) zur Aufnahme von mehr als einem Plugin (1.2.1, 1.2.2) installiert.

Randnummer 41

M4 Der Rechner und das digitale Mischpult sind durch Audio-Verbindungen (Audio-Tielines) und mindestens eine Steuerleitung verbunden.

Randnummer 42

M5 Ein Datenstamm, welcher einen Namen und alle Parameter des [eines] Audio-Plugins aufweist, ist ausschließlich durch das Steuersystem des digitalen Mischpults verwaltbar.

Randnummer 43

M6 Die gesamte Steuerung, einschließlich der Audio-Plugins, ist ausschließlich vom digitalen Mischpult vornehmbar.

Randnummer 44

Der geltende nebengeordnete Patentanspruch 4 lässt sich wie folgt gliedern:

Randnummer 45

N1 Verfahren zur Nutzung von Audio-Plugins in einem digitalen Mischpult (2), wobei

Randnummer 46

N2 einzusetzende Audio-Plugins (1.2.1) von einem Steuersystem (2.2) des digitalen Mischpults (2) automatisch in einem auf einem Rechner installierten Audio-Plugins (1.2.1) enthaltenen Ordner gesucht werden,

Randnummer 47

N3 die Audio-Plugins (1.2.1) jeweils einem von mehreren Effekt-Slots (FX-Slots) zugewiesen werden, wobei

Randnummer 48

N3.1 die für diesen notwendigen Audio-Verbindungen (Audio-Tielines) (2.3) belegt werden,

Randnummer 49

N3.2 wodurch die Audio-Plugins (1.2.1) zur Nutzung im digitalen Mischpult (2) zur Verfügung stehen und

Randnummer 50

N4 ein Datenstamm, der Name und alle Parameter des Audio-Plugins enthält, ausschließlich durch das Steuersystem (2.2) des digitalen Mischpults (2) verwaltet wird, wodurch dieses alle Parameter des Audio-Plugins (1.2.1) auf dem Rechner steuert.

Randnummer 51

Bezüglich des Wortlauts der erteilten abhängigen Unteransprüche 2 und 3 sowie 5 bis 12 wird auf die Streitpatentschrift verwiesen.

Randnummer 52

Wegen weiterer Einzelheiten wird auf den Akteninhalt Bezug genommen.

II.

Randnummer 53

Die zulässige Beschwerde der Einsprechenden hat in der Sache Erfolg, da der Gegenstand des geltenden Patentanspruchs 1 nicht auf einer erfinderischen Tätigkeit beruht (§ 4 PatG).

Randnummer 54

1. Der Patentgegenstand betrifft eine Vorrichtung zur Nutzung von Audio-Plugins in einem Mischpult sowie ein Verfahren zur Nutzung von Audio-Plugins in einem Mischpult (vgl. Streitpatent, Absatz [0001]).

Randnummer 55

Ein „Plugin“ ist allgemein eine Software-Erweiterung oder ein optionales Software-Modul, das eine bestehende Software erweitert bzw. verändert. Ein „Audio-Plugin“ erweitert eine Software zur Audiobearbeitung bzw. Musikproduktion. Audio-Plugins dienen der Klangerzeugung bzw. Klangveränderung, können z. B. ein Instrument oder ein Effektgerät „nachbilden“. Audio-Plugins benötigen für ihre Ausführung Host-Programme, die auf mehreren Plattformen (z. B. Windows) laufen können. Quasi ein Industriestandard als Schnittstelle hierfür ist die vom Streitpatent auch hervorgehobene „virtuelle Studiotechnik“ (VST), ein Software-Protokoll für die Musik- und Tonproduktion. Hier wird das Plugin als DLL-Paket direkt in den Host geladen.

Randnummer 56

Die Erfindung geht davon aus, dass Audio-Plugins bislang insbesondere in Audio-Arbeitsstationen (DAW = ursprüngliche Bezeichnung für Harddisk-Recording-Geräte; zum Anmeldetag nannte man auch PCs mit entsprechender Hardware [hochwertige Audiokarte] und Musiksoftware DAWs) verwendet würden. Die hierfür entwickelten und vielfältig angebotenen Audio-Plugins würden nun für den Einsatz in digitalen Mischpulten verlangt, könnten bisher dort jedoch nicht eingesetzt und auch nicht in rationeller Weise hierfür angepasst werden (vgl. Streitpatent, Absatz [0003]).

Randnummer 57

Der Erfindung liege daher die Aufgabe zugrunde, eine Vorrichtung und ein Verfahren zu schaffen, mittels derer herkömmliche Audio-Plugins, wie sie bei digitalen Audio-Arbeitsstationen eingesetzt würden, auch zum Einsatz bei digitalen Mischpulten nutzbar zu machen, um dem Anwender solcher Mischpulte das gleiche Resultat in der Bedienung und Anwendung zur Verfügung zu stellen, wie es bei digitalen Audio-Arbeitsstationen gegeben sei (vgl. Streitpatent, Absatz [0007]).

Randnummer 58

Als Lösung ist die Verbindung eines digitalen Mischpults mit einem Rechner vorgesehen. Das Mischpult weist mehrere Effekt-Slots (das sind virtuelle freie Plätze für eine Plugin-Instanz) auf, denen Audio-Plugins zugewiesen werden können. Auf dem Rechner ist ein Audio-Plugin-Host installiert; Rechner und Mischpult sind durch Audio-Verbindungen und mindestens eine Steuerleitung verbunden (vgl. Streitpatent, Patentanspruch 1).

Randnummer 59

2. Als zuständigen Fachmann sieht der Senat (in Übereinstimmung mit dem Einspruchsbeschluss) einen Diplomingenieur der Nachrichtentechnik mit Erfahrung auf dem Gebiet der Entwicklung von Audio-Systemen und insbesondere digitalen Mischpulten für die Studiotechnik.

Randnummer 60

3. Zu folgenden Begrifflichkeiten der Patentansprüche sind Anmerkungen veranlasst:

Randnummer 61

Ein „digitales Mischpult“ verarbeitet die ihm zugeführten Audiosignale mit Hilfe digitaler Technik, also insbesondere digitaler Signalprozessoren (DSPs; vgl. Streitpatent, Absatz [0011]).

Randnummer 62

Der „Rechner“ gemäß Streitpatent ist dadurch gekennzeichnet, dass er als Plugin-Host dienen kann. Es kann sich um einen leistungsfähigen PC mit üblichem Betriebssystem handeln (vgl. Streitpatent, Absatz [0010]).

Randnummer 63

An die „Audio-Schnittstelle“ stellt das Streitpatent keine speziellen Anforderungen, beispielhaft genannt ist die aus dem professionellen Umfeld bekannte AES-Schnittstelle (vgl. Streitpatent, Absatz [0010]).

Randnummer 64

Die „Steuerverbindung“ kann per TCP/IP-Protokoll realisiert sein (vgl. Streitpatent, Absatz [0010] und Fig. 1, BZ 2.4).

Randnummer 65

Die „Bedieneinheit“ des Mischpults ist ausgelegt, sowohl die eigene Audioverarbeitung als auch die Verarbeitung mittels der Audio-Plugins auf dem Rechner zu steuern (vgl. Streitpatent, Absätze [0011], [0024] und [0025]).

Randnummer 66

Soweit Merkmal M5 fordert, dass ein Datenstamm, welcher einen Namen und alle Parameter des Audio-Plugins aufweist, ausschließlich durch das Steuersystem des digitalen Mischpults verwaltbar ist, meint dies lediglich, dass dieser Datenstamm vom Mischpult aus verwaltet werden kann.

Randnummer 67

Das Merkmal M6 spricht von der „gesamten Steuerung“ und meint damit die Steuerung des Mischpultes und der vom Mischpult genutzten Audio-Plugins. Diese Steuerung soll alleine vom Mischpult vorgenommenem werden können, wofür gemäß Streitpatent z. B. Nutzereingriffe direkt am Rechner ausgeschlossen werden können, um die Plugin-Verarbeitung auf dem Rechner nicht durch Eingriffe Dritter zu stören (vgl. z. B. Absatz [0034]).

Randnummer 68

Der Senat kann sich der Auslegung der Patentinhaberin (und auch der Patentabteilung) nicht anschließen, dass eine klangtechnische Bearbeitung von durch das Mischpult bereitgestellten Audiosignalen durch die Plugins auf dem Rechner nicht erfolge (vgl. Einspruchsbeschluss, S. 6, 5. Abs.). Dies widerspricht offensichtlich der Lehre des Streitpatents und wirft sofort die Fragen auf, wofür in diesem Falle ein Rechner gebraucht und wie das gestellte technische Problem gelöst würde, die Plugins, die ja gerade „herkömmliche“, nur auf dem Rechner lauffähige Software darstellen sollen, auf dem Mischpult zu nutzen. Das Streitpatent beschreibt vielmehr eindeutig, dass die Plugins auf dem Rechner ausgeführt werden, wie folgende Textstellen belegen:

Randnummer 69

• Absatz [0011], zweiter Satz; Absätze [0013] und [0026] sowie Patentanspruch 4: nur wenn die Plugins auf dem Rechner ausgeführt werden, macht die Belegung von Audio-Verbindungen zwischen Mischpult und Rechner Sinn;

Randnummer 70

• Absatz [0034]: „Um Störungen und Fehler bei der Audioverarbeitung mittels auf dem Rechner installierter Audio-Plugins 1.2.1, 1.2.2…“

Randnummer 71

• Absätze [0014], [0027] und [0029] sowie Patentanspruch 7: die Audio-Plugin-Instanzen auf dem Rechner werden mit den Daten des Datenstamms parametrisiert;

Randnummer 72

• Absatz [0022] i. V. m. Fig. 1, auch Absatz [0027]: auf dem Rechner ist der Plugin-Host installiert und auf ihm die Audio-Plugins gespeichert; nur die Rechenleistung des Servers begrenzt hierbei die Anzahl der Instanzen. Dies ist für den Fachmann nur dahingehend zu verstehen, dass die Rechenleistung des Rechners für den Ablauf der Plugins genutzt wird;

Randnummer 73

• Absätze [0024] und [0034] sowie Patentanspruch 10: die Bedienung der Plugins erfolgt mittels einer Bedieneinheit des Mischpults über RDP, wozu auf dem Rechner ein RDP-Host und auf dem Mischpult ein RDP-Client vorhanden ist, auch hier ist der Rechner nach fachmännischer Betrachtung damit das „ausführende Organ“.

Randnummer 74

4. Die Druckschrift D6 stellt die Bedienungsanleitung für das Mischpult „AWS 900+“ dar. Die vorliegende Fassung der Bedienungsanleitung trägt den Bearbeitungsstand „Juni 2006“ (vgl. dort Seite 2), gehört somit nach der allgemeinen Lebenserfahrung zum Stand der Technik am Anmeldetag des Streitpatents (04.04.2007); eine Vorveröffentlichung der Druckschrift D6 wurde von der Patentinhaberin im Übrigen nicht bestritten.

Randnummer 75

Das Mischpult AWS 900+ ist eine Kombination aus einem analogen Mischpult und einem Controller für eine an das Mischpult anzuschließende Digital Audio Workstation (DAW), arbeitet somit im Audioteil analog und im Steuerungsteil digital (vgl. Seite 2-1).

Randnummer 76

Das Mischpult ist mit bis zu 24 Kanälen mit der DAW verbunden. Audiosignale können der DAW übergeben und von dort (bearbeitet) zurück an das Mischpult gesendet werden (vgl. Seite 4-1).

Randnummer 77

Das Mischpult fungiert als Steuergerät für die DAW und nutzt hierfür das HUI-Protocol, ein Protokoll zur Verbindung von Steueroberflächen mit DAW-Software über MIDI-Schnittstellen. Ausdrücklich genannt ist die direkte Steuerung von Plugin-Einstellungen (vgl. Seite 5-1).

Randnummer 78

Die graphische Bedienoberfläche jedes Plugins wird auf dem Mischpult angezeigt und ist von dort bedienbar; einzelne Kanäle des Mischpults können einzelnen Plugins zugewiesen werden (vgl. Seiten 5-15 und 5-16).

Randnummer 79

Bei der Zuordnung eines Plugins zu einem Kanal des Mischpults wird automatisch aus der DAW eine Liste von Plugins gelesen und angezeigt, aus dieser Liste wird ein Plugin und nachfolgend ein Kanal ausgewählt und beide einander zugewiesen; die Parameter des Plugins können über die Oberfläche des Mischpultes verwaltet werden (vgl. Seiten 5-17 und 5-18).

Randnummer 80

Die Druckschrift D6 zeigt somit eine

Randnummer 81

M1 Vorrichtung zur Nutzung von Audio-Plugins in einem teildigitalen Mischpult welche umfasst:

Randnummer 82

M1.1 ein teildigitales Mischpult (das Mischpult „AWS 900 +“) und

Randnummer 83

M1.2 einen Rechner (eine DAW).

Randnummer 84

M2 Das teildigitale Mischpult weist auf:

Randnummer 85

M2.1 eine Bedieneinheit (vgl. Seite 5-16; Abschnitt „Plug-In-Editor“),

Randnummer 86

M2.2 eine Signale verarbeitende Elektronik (die Elektronik, welche u. a. die Eingaben an der Bedieneinheit verarbeitet ) und

Randnummer 87

M2.3 ein mehrere Effekt-Slots beinhaltendes Steuersystem, welches zur Zuweisung von Audio-Plugins zu jeweils einem Effekt-Slot (hier einem Kanal des Mischpults) ausgebildet ist (denn einzelnen Kanälen des Mischpults können einzelne Plugins zugewiesen werden, vgl. Seiten 5-15 und 5-16).

Randnummer 88

M3.1 Der Rechner weist eine Audio-Schnittstelle auf (Anschluss der 24 Audio-Kanäle, vgl. Seite 4-2),

Randnummer 89

M3.2 auf dem Rechner sind Audio-Plugins installierbar (diese sind auf der DAW instanziiert) und

Randnummer 90

M3.3 auf dem Rechner ist ein Audio-Plugin-Host zur Aufnahme von mehr als einem Plugin installiert (zwangsläufig, wenn auf der DAW mehrere Plugins laufen, vgl. oben).

Randnummer 91

M4 Der Rechner und das teildigitale Mischpult sind durch Audio-Verbindungen (24 Kanäle) und mindestens eine Steuerleitung (zur Übertragung der MIDI-Signale gemäß HUI-Protokoll) verbunden (vgl. Seiten 4-2 und 5-1).

Randnummer 92

M5 Ein Datenstamm, welcher einen Namen und alle Parameter des [eines] Audio-Plugins aufweist, ist ausschließlich durch das Steuersystem des teildigitalen Mischpults verwaltbar (da aus einer Liste mit den Namen der Plugins ausgewählt werden kann und dann die Parameter des Plugins gesteuert werden können, kann ausschließlich mittels des Mischpults der genannte Datensatz (Datenstamm) verwaltet werden, vgl. Seiten 5-17 und 5-18).

Randnummer 93

M6 Die gesamte Steuerung, einschließlich der Audio-Plugins, ist ausschließlich vom teildigitale Mischpult vornehmbar (da das Mischpult die Steueroberfläche auch für die DAW bildet, sind alle Vorgänge auch ausschließlich über das Mischpult steuerbar).

Randnummer 94

Einziger Unterschied zum Gegenstand des Patentanspruchs 1 des Streitpatents ist somit der Umstand, dass das AWS 900+ ein teildigitales Mischpult darstellt. Die Lehre der Druckschrift D6 auf ein volldigitales Mischpult (das auch bezüglich der Audioverarbeitung volldigital arbeitet) zu übertragen, stellt jedoch keinerlei erfinderische Leistung dar, da die Art der Audioverarbeitung für das Zusammenspiel zwischen Mischpult und DAW für den Fachmann offensichtlich nicht relevant ist und die Steuerung der DAW durch das Mischpult von der Druckschrift D6 in vollem Umfang gezeigt und beschrieben wird.

Randnummer 95

5. Hinsichtlich des nebengeordneten Patentanspruchs 4 und der abhängigen Patentansprüche ist ein eigenständiger erfinderischer Gehalt nicht ersichtlich. Bei dieser Sachlage konnte der Senat daher nur über den zur Entscheidung gestellten Satz von Patentansprüchen entscheiden.

Randnummer 96

6. Vor dem Hintergrund der obigen Ausführungen konnte es dahinstehen, inwieweit die Gegenstände der geltenden Patentansprüche von der Offenbarung der ursprünglich eingereichten Anmeldeunterlagen getragen sind.

Randnummer 97

7. Die Anordnung der Rückzahlung der Beschwerdegebühr entspricht hier der Billigkeit (§ 80 Abs. 3 PatG).

Randnummer 98

Die Rückzahlung der Beschwerdegebühr ist veranlasst, wenn es aufgrund besonderer Umstände unbillig wäre, die Gebühr einzubehalten. Solche besonderen Umstände können u. a. in einem schwerwiegenden Verfahrensfehler oder einer anderweitig fehlerhaften Sachbehandlung durch das DPMA liegen, soweit diese(r) aus der Sicht eines verständigen Beschwerdeführers Anlass für die Einlegung der Beschwerde war (vgl. Benkard, PatG, 11. Aufl., § 80 Rdn. 22 ff.; Schulte, PatG, 9. Aufl., § 80 Rdn. 112 f., § 73 Rdn. 135 ff.).

Randnummer 99

Diese Voraussetzungen liegen hier vor, da der angefochtene Beschluss an einem schwerwiegenden Begründungsmangel leidet (vgl. Benkard, a. a. O., § 80 Rdn. 27 m. w. N; Schulte, a. a. O., § 73 Rdn. 143 m. w. N).

Randnummer 100

Nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist die Auslegung des Patentanspruchs stets geboten (vgl. nur BGH, Urteil vom 12. Mai 2015 - X ZR 43/13 - Rotorelemente). Die Auslegung des Patentanspruchs bildet die Grundlage für jegliche Überlegung zur Patentfähigkeit, sie ist somit unabdingbare Voraussetzung für alle weiteren diesbezüglichen Prüfungen. Der angefochtene Beschluss enthält jedoch keine eindeutige und nachvollziehbare Auslegung des Patentgegenstandes. Wie von der Beschwerdeführerin in der mündlichen Verhandlung zutreffend vorgetragen, stehen sich in dem Beschluss zwei widersprüchliche Auslegungen des Patentgegenstandes in einem zentralen Aspekt diametral entgegen. So wird auf Seite 6, 5. Abs. ausgeführt: „Eine klangtechnische Bearbeitung von durch das Mischpult bereitgestellten Audiosignalen durch die Plugins auf dem Rechner (…) erfolgt nicht.“ (Unterstreichung hinzugefügt). An anderer Stelle (auf Seite 12, 5. Absatz) nimmt die Patentabteilung dagegen eine andere, mit der vorgenannten unvereinbare Auslegung desselben Gegenstandes vor, denn hier führt sie aus: „Ein solcher Aufbau der Vorrichtung ist für den Fachmann auch nicht nahe gelegt, denn gerade durch diesen Aufbau wird es erfindungsgemäß ermöglicht, den Rechner über die mindestens eine Steuerleitung vom Mischpult-Steuersystem, beinhaltend die Effekt-Slots, aus zu steuern und so die Audio-Plugins im Rechner aufzurufen und dort auszuführen und als Audiosignale über Audio-Verbindungen dem Mischpult bereitzustellen.“ (Unterstreichung hinzugefügt). Auf welcher dieser beiden sich widersprechenden Auslegungen des Patentgegenstandes die Beurteilung fußt, bleibt unklar. Damit sind weder die Beteiligten noch das Beschwerdegericht in der Lage, der angefochtenen Entscheidung die tragenden Erwägungen zu den zentralen Fragen der Patentfähigkeit zweifelsfrei zu entnehmen. Dies war aus Sicht eines verständigen Beschwerdeführers auch ursächlich für die Beschwerdeeinlegung, so dass es der Billigkeit entsprach, die Beschwerdegebühr zu erstatten.

Zitierte Vorschriften

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