Zum Inhalt springen
Zitierfest

Rechtsprechung · Bundespatentgericht

BPatG, Beschluss vom 19.12.2013 – 17 W (pat) 33/09

Patentbeschwerdeverfahren – „Multifunktions-Bedieneinrichtung“ – zur Patentfähigkeit – Nichtberücksichtigung der Merkmale, die ein Auswahlmenü betreffen und damit ein Optimierungsproblem bezüglich der Benutzerakzeptanz darstellen
Spruchkörper
17. Senat
Normenkette
§ 4 PatG

Tenor

In der Beschwerdesache

betreffend die Patentanmeldung 199 39 065.7-53

…

hat der 17. Senat (Technischer Beschwerdesenat) des Bundespatentgerichts auf die mündliche Verhandlung vom 19. Dezember 2013 unter Mitwirkung des Vorsitzenden Richters Dipl.-Phys. Dr. Morawek, der Richterin Eder, des Richters Dipl.-Ing. Baumgardt und der Richterin Dipl.-Phys. Dr. Thum-Rung

beschlossen:

Die Beschwerde wird zurückgewiesen.

Gründe

I.

Randnummer 1

Die vorliegende Patentanmeldung wurde am 18. August 1999 beim Deutschen Patent- und Markenamt eingereicht. Sie trägt die Bezeichnung:

Randnummer 2

„Multifunktions-Bedieneinrichtung“.

Randnummer 3

Die Anmeldung wurde durch Beschluss der Prüfungsstelle für Klasse G 06 F des Deutschen Patent- und Markenamts vom 25. Februar 2009 „aus den Gründen des Bescheides vom 19. Dezember 2005“ zurückgewiesen. In diesem Bescheid war ausgeführt worden, dass der Gegenstand des Patentanspruchs 1 nicht auf einer erfinderischen Tätigkeit beruhe, weil eine Multifunktions-Bedieneinrichtung der beanspruchten Art prinzipiell aus dem Alltag bekannt sei, und der wesentliche Aspekt des Patentanspruchs 1 - dass die Komfortgeräte objekt-bezogen ansteuerbar sein sollten - für die Bewertung der erfinderischen Tätigkeit aufgrund von PatG § 1 Abs. 3 Nummer 3 unbeachtlich sei. Selbst wenn diesem Aspekt ein technischer Charakter unterstellt würde, könnte er dennoch eine erfinderische Tätigkeit nicht begründen, weil seine Umsetzung lediglich den gesunden Menschenverstand erfordere und sich im Übrigen aus dem Stand der Technik gemäß Druckschrift 1 oder Druckschrift 2 (s. u.) ergebe.

Randnummer 4

Gegen diesen Beschluss ist die Beschwerde der Anmelderin gerichtet. Sie stellt den Antrag,

Randnummer 5

den angegriffenen Beschluss aufzuheben und das nachgesuchte Patent mit folgenden Unterlagen zu erteilen:

Randnummer 6

gemäß Hauptantrag mit

Randnummer 7

Patentansprüchen 1 bis 7 vom 15. August 2013, eingegangen am 16. August 2013,

Randnummer 8

Beschreibung Seiten 2, 2a vom 2. Dezember 2013,

Randnummer 9

Beschreibung Seiten 1, 3 und 1 Blatt Zeichnungen mit 2 Figuren jeweils vom Anmeldetag;

Randnummer 10

gemäß Hilfsantrag mit

Randnummer 11

Patentansprüchen 1 bis 7 und

Randnummer 12

Beschreibung Seiten 2, 2a, jeweils vom 2. Dezember 2013,

Randnummer 13

Beschreibung Seiten 1, 3 und Zeichnungen mit Figuren,

Randnummer 14

jeweils wie Hauptantrag.

Randnummer 15

Dazu führt die Anmelderin aus, dass das wesentliche Merkmal der Erfindung, dass die Komfortgeräte objekt-bezogen ansteuerbar sein sollten, nicht unter Bezug auf PatG § 1 Abs. 3 Nummer 3 von der Bewertung ausgenommen werden dürfe, da es die Lösung eines technischen Problems mit technischen Mitteln betreffe. Das der Anmeldung zugrunde liegende technische Problem bestehe darin, eine Multifunktions-Bedieneinrichtung zu schaffen, die die Ansteuerung von Komfortgeräten in einem Kraftfahrzeug benutzerfreundlicher gestalte. In der vom Senat angeführten Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH GRUR 2011, 125 - Wiedergabe topografischer Informationen) heiße es in Absatz [0032]: „Das Verfahren nach dem Streitpatent dient wie ausgeführt der nutzerfreundlicheren Darstellung topografischer Informationen … Das Streitpatent betrifft damit eine technische Lösung für ein konkretes technisches Problem.“ Wenn also die nutzerfreundliche Darstellung von topografischen Informationen ein technisches Problem darstelle, so sei die benutzerfreundliche Ansteuerung von Komfortgeräten in einem Kraftfahrzeug erst recht ein technisches Problem.

Randnummer 16

Gemäß Hauptantrag lautet der geltende Patentanspruch 1, hier mit einer Gliederung versehen:

Randnummer 17

„1. Multifunktions-Bedieneinrichtung für Kraftfahrzeuge,

Randnummer 18

(a) umfassend eine Multifunktionsanzeigeeinheit (1) und einen den Bildaufbau der Multifunktionsanzeigeeinheit (1) ansteuernden Mikroprozessor,

Randnummer 19

(b) der auf zu steuernde Komfortgeräte und interne Datenbanken zugreifen kann,

Randnummer 20

(c) wobei mindestens ein zu steuerndes Komfortgerät ein Autotelefon und mindestens ein Komfortgerät ein Navigationssystem ist,

Randnummer 21

(d) wobei zu Objekten Daten und Bedienoptionen für die zu steuernden Komfortgeräte existieren,

Randnummer 22

(e) wobei die objektbezogenen Daten und Bedienoptionen unter einem Objekt-Icon (5-10) zusammengefasst und als Objekt-lcon (5-10) dargestellt werden,

Randnummer 23

wobei die Multifunktions-Bedieneinrichtung derart ausgebildet ist, dass

Randnummer 24

(f) bei Auswahl eines Objekt-Icons (5-10) die Daten und Bedienoptionen für das Objekt zugänglich sind

Randnummer 25

(g) und bei Auswahl einer Bedienoption diese dem zugeordneten Komfortgerät zugeführt und vom Komfortgerät ausgeführt wird.“

Randnummer 26

Zu den Unteransprüchen 2 bis 7 wird auf die Akte verwiesen.

Randnummer 27

Der Patentanspruch 1 gemäß Hilfsantrag stimmt mit dem Patentanspruch 1 nach Hauptantrag bis zum Merkmal (f) hin überein; Merkmal (g) ist abgeändert (als (g1) bezeichnet, Unterschiede unterstrichen), und ein Merkmal (h1) kommt hinzu:

Randnummer 28

„(g1) und bei Auswahl der Bedienoptionen die jeweilige Bedienoption dem jeweils zugeordneten Komfortgerät zugeführt und vom Komfortgerät ausgeführt wird,

Randnummer 29

(h1) sodass von einer Ebene verschiedene Komfortgeräte mit Bedienoptionen eines Objektes angesteuert werden.“

Randnummer 30

Zu den Unteransprüchen 2 bis 7 wird erneut auf die Akte verwiesen.

Randnummer 31

In der Beschreibung ist als zugrunde liegendes technisches Problem angegeben, eine Multifunktions-Bedieneinrichtung zu schaffen, mittels derer [eine] vereinfachte Benutzerführung zur Nutzung verschiedener Funktionen ermöglicht wird (siehe Offenlegungsschrift Spalte 1 Zeile 20 bis 23).

Randnummer 32

Im Laufe des Verfahrens sind folgende Druckschriften entgegengehalten worden:

Randnummer 33

D1 US 5 886 697 A

Randnummer 34

D2 Selected Object Filter on Pop-Up Menu. In: IBM Tech. Dis. Bull., Vol. 39 No. 09, September 1996, Seite 157 bis 161

Randnummer 35

D3 DE 197 15 325 A1

Randnummer 36

D4 DE 195 33 541 C1

Randnummer 37

D5 DE 195 31 415 A1

Randnummer 38

D6 EP 0 701 926 A2.

II.

Randnummer 39

Die Beschwerde ist rechtzeitig eingegangen und auch sonst zulässig. Sie hat jedoch keinen Erfolg, weil der Gegenstand des Patentanspruchs 1 in der Fassung nach Hauptantrag wie auch in der Fassung nach Hilfsantrag bei Berücksichtigung nur derjenigen Anweisungen, welche die Lösung eines technischen Problems mit technischen Mitteln bestimmen oder zumindest beeinflussen, nicht auf einer erfinderischen Tätigkeit beruht (§§ 1, 4 PatG).

Randnummer 40

1. Die vorliegende Patentanmeldung betrifft eine Multifunktions-Bedieneinrichtung für Kraftfahrzeuge zur Auswahl und Einstellung von Funktionen sogenannter „Komfortgeräte“, insbesondere eines Autotelefons oder Navigationsgerätes.

Randnummer 41

In der Beschreibungseinleitung wird auf den Stand der Technik gemäß der Druckschrift D6 (EP 0 701 926 A2) verwiesen, aus welcher eine Multifunktions-Bedieneinrichtung für Kraftfahrzeuge bekannt sei, bei der die ansteuerbaren Funktionen funktional hierarchisch gegliedert sind (siehe D6 Figur 1: u. a. radio, phone, navigation; dann Figur 2: Untermenü für „Radio“, bzw. Figur 4: Untermenü für „Telefon“).

Randnummer 42

Diese funktionale hierarchische Gliederung weise eine Reihe von Nachteilen auf, insbesondere wenn nahezu zeitgleich Informationen von verschiedenen Funktionsgruppen oder Funktionen benötigt würden.

Randnummer 43

Die Anmeldung nutze die Erkenntnis aus, dass das menschliche Handeln stärker objekt- denn funktionsbezogen sei; eine weitere Erkenntnis sei, dass die meisten Mehrfunktionswünsche auf ein gemeinsames Objekt bezogen seien (siehe Offenlegungsschrift Spalte 1 Zeile 32 bis 35). Unter „Objekt“ versteht die Anmeldung (siehe Spalte 1 Zeile 35 bis 38, Spalte 2 Zeile 4 bis 17 und Zeile 24 bis 27) „natürliche Personen, Gebäude, Institutionen oder andere Objektbegriffe“. Zur benutzerfreundlichen Verbesserung der Bedienung schlägt die Anmeldung vor, eine objektbezogene Ansteuerung vorzusehen.

Randnummer 44

Der Kern der beanspruchten Lehre besteht sonach darin, anstelle des in D6 Figur 1 dargestellten Geräte- Auswahlmenüs (Radio, Telefon, Navigation; dann Untermenü: Telefon → Büro, zuhause, Onkel Otto) ein Personen- (bzw. Gebäude-, Institutionen-) Auswahlmenü, d. h. eine Menüstruktur unter einem anderen Gesichtspunkt bereitzustellen (z. B. erste Menüebene: Büro, Familie; darunter z. B.: Onkel Otto; dann Untermenü: Telefon, Navigation).

Randnummer 45

Als Fachmann, der mit der Aufgabe betraut wird, die Ansteuerung von Komfortgeräten in einem Kraftfahrzeug benutzerfreundlicher zu gestalten und die Benutzerführung zu vereinfachen, dürfte zunächst ein Entwicklungsingenieur der Elektrotechnik mit mehrjähriger Berufserfahrung im Bereich der Kraftfahrzeug-Gerätebedienung anzusehen sein.

Randnummer 46

Nachdem aber die technischen Probleme gelöst sind, wird dieser zur Frage, wie eine Benutzeroberfläche besonders benutzerfreundlich gestaltet werden kann, einen Psychologen mit Erfahrung auf diesem Gebiet heranziehen, der ggf. mit einer Vielzahl von potentiellen Benutzern Versuche anstellen und Befragungen durchführen würde.

Randnummer 47

2. Der geltende Hauptantrag hat keinen Erfolg, weil der Gegenstand seines Patentanspruchs 1, soweit er die Lösung eines konkreten technischen Problems mit technischen Mitteln betrifft, ohne erfinderische Tätigkeit zu erlangen ist.

Randnummer 48

2.1 Als nächstliegenden Stand der Technik sieht der Senat die bereits in der Anmeldung genannte D6 (EP 0 701 926 A2) an. Dieser ist - im Vergleich mit den Merkmalen des Anspruchs 1 gemäß Hauptantrag - folgendes entnehmbar:

Randnummer 49

eine Multifunktions-Bedieneinrichtung für Kraftfahrzeuge,

Randnummer 50

(a) umfassend eine Multifunktionsanzeigeeinheit (Spalte 3 Zeile 24 bis 33; Figur 1) und einen den Bildaufbau der Multifunktionsanzeigeeinheit ansteuernden Mikroprozessor (fachmännisches Wissen; vgl. auch Spalte 3 Zeile 46 „rein softwaremäßig“),

Randnummer 51

(b) der auf zu steuernde Komfortgeräte (Figur 1: radio, phone navigation) und interne Datenbanken (fachmännisches Wissen; vgl. auch Spalte 4 Zeile 36 / 37 „anhand einer Liste zugeordneter Namen“) zugreifen kann,

Randnummer 52

(c) wobei mindestens ein zu steuerndes Komfortgerät ein Autotelefon (Figur 1: phone) und mindestens ein Komfortgerät ein Navigationssystem (Figur 1: navigation) ist,

Randnummer 53

(d*) wobei zu den Geräten Daten und Bedienoptionen für die zu steuernden Komfortgeräte existieren,

Randnummer 54

(e*) wobei die geräte bezogenen Daten und Bedienoptionen unter einer Geräte - Tastenfläche (Figur 1 - z. B. Felder 4) zusammengefasst und ggf. als Geräte -Icon (Figur 1 Tastenfeld 7d: Telefonhörer) dargestellt werden,

Randnummer 55

wobei die Multifunktions-Bedieneinrichtung derart ausgebildet ist,

Randnummer 56

(f*) dass bei Auswahl einer Geräte - Tastenfläche die Daten und Bedienoptionen für das Gerät zugänglich sind (Spalte 4 Zeile 4 bis 10, Zeile 24 bis 26 u. a.)

Randnummer 57

(g) und bei Auswahl einer Bedienoption diese dem zugeordneten Komfortgerät zugeführt und vom Komfortgerät ausgeführt wird (im Kontext der D6 selbstverständlich).

Randnummer 58

2.2 Es ergibt sich, dass der geltende Patentanspruch 1 gegenüber der Lehre dieser Druckschrift i. W. zwei Unterschiede aufweist. Mit diesen kann das Vorliegen einer erfinderischen Tätigkeit jedoch nicht begründet werden.

Randnummer 59

2.2.1 Zum Einen sind gemäß D6 mit Text beschriftete Drucktasten zur Bedienung vorgesehen, während anmeldungsgemäß - insbesondere auf einem Touchscreen - Objekt-Icons ausgewählt werden können.

Randnummer 60

D6 zeigt aber bereits ein Beispiel für ein „Icon“, nämlich den Telefonhörer 7d in Figur 1, und die Verwendung von Piktogrammen anstelle von mit Buchstaben dargestellten Begriffen war gerade im Bereich der Bedienelemente von Kraftfahrzeugen schon lange allgemein üblich. Ferner ist die Anmeldung nicht auf Touchscreens beschränkt. Diesem Unterschied kann daher keine erfindungsbegründende Bedeutung zukommen, es handelt sich um eine für den Fachmann naheliegende Abwandlung.

Randnummer 61

2.2.2 Zum Anderen, und dies vor allem, lehrt D6 die von der Anmelderin als nachteilig bezeichnete Geräte-Orientierung. Tatsächlich ergibt sich aus D6 kein Hinweis, stattdessen die beanspruchte Objekt- (im Sinne von: Personen- bzw. Gebäude-, Institutionen-) Orientierung zu wählen.

Randnummer 62

Die Maßnahme, statt des gemäß D6 verwendeten Geräte-Auswahlmenüs (Radio, Telefon, Navigation; dann Untermenüs: Telefon → Büro, zuhause, Onkel Otto) ein Objekt-Auswahlmenü bereitzustellen (erste Menüebene: Büro, Familie; darunter: Onkel Otto; dann Untermenü: Telefon, Navigation), ist jedoch bei der Prüfung auf erfinderische Tätigkeit von der Berücksichtigung ausgeschlossen, weil sie nicht zur technischen Lösung eines konkreten technischen Problems beiträgt.

Randnummer 63

(i) Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist bei Erfindungen mit Bezug zu Geräten und Verfahren (Programmen) der elektronischen Datenverarbeitung zunächst zu klären, ob der Gegenstand der Erfindung zumindest mit einem Teilaspekt auf technischem Gebiet liegt (§ 1 Abs. 1 PatG). Danach ist zu prüfen, ob dieser Gegenstand lediglich ein Programm für Datenverarbeitungsanlagen als solches darstellt und deshalb vom Patentschutz ausgeschlossen ist. Der Ausschlusstatbestand greift nicht ein, wenn diese weitere Prüfung ergibt, dass die Lehre Anweisungen enthält, die der Lösung eines konkreten technischen Problems mit technischen Mitteln dienen (BGH GRUR 2011, 610 - Webseitenanzeige). Bei der Prüfung der Erfindung auf erfinderische Tätigkeit sind jedoch nur diejenigen Anweisungen zu berücksichtigen, die die Lösung des technischen Problems mit technischen Mitteln bestimmen oder zumindest beeinflussen (BGH, a. a. O. - Wiedergabe topografischer Informationen).

Randnummer 64

(ii) Dass Lehren betreffend eine Multifunktions-Bedieneinrichtung für Kraftfahrzeuge u. a. mit Mikroprozessor und Multifunktionsanzeigeeinheit zumindest mit einem Teilaspekt auf technischem Gebiet liegen, steht außer Zweifel (§ 1 Abs. 1 PatG).

Randnummer 65

(iii) Weil aber durch die beanspruchte „objekt-bezogene“ Menü-Strukturierung kein Beitrag zu einer konkreten technischen Problemlösung geleistet wird, ist diese Maßnahme bei der Prüfung auf erfinderische Tätigkeit nicht zu berücksichtigen.

Randnummer 66

Der Unterschied der beanspruchten Lehre zur Druckschrift D6 geht über ein rein gedankliches Bedienungs-Konzept nicht hinaus. Zwar mag es zutreffen, dass ein Teil der Benutzer eine Menü-Struktur, die sich an den anmeldungsgemäßen „Objekten“ orientiert, als einfacher bedienbar empfindet. Der ggf. eintretende Erfolg beruht hier aber auf gedanklichen Maßnahmen zum Ordnen und Darstellen von Eingabe-Optionen, nicht auf technischen Überlegungen. Nachdem die technischen Probleme gelöst sind - was D6 dokumentiert -, richtet sich die Aufgabe einer benutzerfreundlichen Verbesserung der Bedienstruktur an einen Psychologen, der Fachwissen über menschliche Gewohnheiten und Verhaltensweisen besitzt. Es besteht kein technisches Problem oder Teil-Problem mehr, sondern nur noch ein Optimierungsproblem bezüglich der Benutzerakzeptanz, das auf nicht-technische Weise gelöst wird. Irgendein technisches Fachwissen, irgendwelche auf technischen Überlegungen beruhenden Erkenntnisse (BGH GRUR 2000, 498 – Logikverifikation) sind nicht erforderlich.

Randnummer 67

(iv) Die Anmelderin hat entgegengehalten, in der vom Senat angeführten Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH, a. a. O. - Wiedergabe topografischer Informationen) heiße es in Absatz [0032]: „Das Verfahren nach dem Streitpatent dient wie ausgeführt der nutzerfreundlicheren Darstellung topografischer Informationen … Das Streitpatent betrifft damit eine technische Lösung für ein konkretes technisches Problem.“ Demnach stelle die nutzerfreundliche Darstellung von topografischen Informationen ein technisches Problem dar.

Randnummer 68

Der zitierte Absatz [0032] lautet jedoch vollständig: „Das Verfahren nach dem Streitpatent dient wie ausgeführt der nutzerfreundlicheren Darstellung topografischer Informationen. Zu diesem Zweck werden die topografischen Informationen in Abhängigkeit von der Bewegungsrichtung und der Position des Fahrzeugs ausgewählt und wird die Bildschirmausgabe in einem automatisierten Prozess in bestimmter Weise gestaltet, die die Wiedergabe der topografischen Information mit der Darstellung einer simulierten Ist-Position des Fahrzeugs verbindet. Das Streitpatent betrifft damit eine technische Lösung für ein konkretes technisches Problem.“ Aus dem vervollständigten Zitat wird ersichtlich, dass dort mit den technischen Aspekten der Auswahl von Messdaten und deren Einsatz zur Steuerung der Bildschirmanzeige das Vorliegen einer technischen Problemlösung begründet wird, gerade nicht jedoch ganz allgemein mit einer „nutzerfreundlicheren Darstellung“.

Randnummer 69

An anderer Stelle derselben Entscheidung (Absatz [0048]) heißt es vielmehr: „Die … weiter hinzugefügten Anweisungen … betreffen weitere Einzelheiten …, die zwar zu benutzerfreundlichen Verbesserungen bei der Informationswiedergabe führen, zur technischen Lösung des Anspruchs 1 und 17 zugrunde liegenden technischen Problems aber keinen Beitrag leisten.“

Randnummer 70

In die gleiche Richtung weist auch die Entscheidung BGH GRUR 2013, 275 - Routenplanung, wonach „Anweisungen zur Auswahl von Daten, deren technischer Aspekt sich auf die Anweisung beschränkt, hierzu Mittel der elektronischen Datenverarbeitung einzusetzen, … jedenfalls bei der Beurteilung der erfinderischen Tätigkeit nicht berücksichtigt werden“ können. Der BGH hatte festgestellt, die dortige besondere (über den Stand der Technik hinausgehende) Lehre beschränke sich auf die Anweisung, dem Fahrer bestimmte Daten zur Anzeige zu bringen und ihm dazu bestimmte Auswahlmöglichkeiten an der Benutzerschnittstelle anzubieten. Der Senat sieht darin erhebliche Ähnlichkeiten zum vorliegenden Fall, weil die hier beanspruchte Lehre sich ebenfalls damit befasst, welche Auswahlmöglichkeiten dem Benutzer angeboten werden (nämlich: Objekte statt Geräte).

Randnummer 71

(v) Im Ergebnis ist festzuhalten, dass eine benutzerfreundliche Optimierung einer Bedienschnittstelle eine technische Problemlösung darstellen kann, wenn die Maßnahmen auf technischen Überlegungen und Erkenntnissen beruhen. Ein solcher Fall liegt hier aber nicht vor, da es keiner technischen Erkenntnisse bedarf, um für die Menü-Struktur statt einer Geräte-Orientierung eine Objekt-Orientierung vorzusehen.

Randnummer 72

2.3 Mit dem Patentanspruch 1 fallen auch die Unteransprüche, da über einen Antrag nur einheitlich entschieden werden kann (BGH GRUR 1997, 120 - Elektrisches Speicherheizgerät).

Randnummer 73

3. Der Hilfsantrag kann nicht günstiger beurteilt werden, der Gegenstand seines Patentanspruchs 1 beruht gleichfalls nicht auf erfinderischer Tätigkeit. Denn letzterer geht inhaltlich nicht über den Patentanspruch 1 nach Hauptantrag hinaus.

Randnummer 74

Wie oben angegeben, unterscheidet sich der Patentanspruch 1 gemäß Hilfsantrag vom Patentanspruch 1 nach Hauptantrag in folgenden Merkmalen:

Randnummer 75

„(g1) und bei Auswahl der Bedienoptionen die jeweilige Bedienoption dem jeweils zugeordneten Komfortgerät zugeführt und vom Komfortgerät ausgeführt wird,

Randnummer 76

(h1) sodass von einer Ebene verschiedene Komfortgeräte mit Bedienoptionen eines Objektes angesteuert werden.“

Randnummer 77

Dabei handelt es sich jedoch lediglich um eine deutlichere Formulierung dessen, was bereits Gegenstand des Patentanspruchs 1 nach Hauptantrag war. Gerade dass „von einer [Menü-] Ebene verschiedene Komfortgeräte mit Bedienoptionen eines Objektes angesteuert werden“ können (Merkmal (h1)), ist eine andere Umschreibung für die bereits im Hauptantrag beanspruchte Objekt- statt Geräteorientierung und kann, wie zum Hauptantrag ausgeführt, bei der Prüfung auf erfinderische Tätigkeit nicht berücksichtigt werden.

Randnummer 78

Etwas über die technische Lehre des Patentanspruchs 1 nach Hauptantrag Hinausgehendes ist im Patentanspruch 1 nach Hilfsantrag nicht erkennbar.

Zitierte Vorschriften

Amtliche Veröffentlichung der Entscheidung Leitsätze des Gerichts, keine Leitsätze oder Anmerkungen von Verlagen.

In Ihrer KI nachschlagen

Mit Zitierfest zitiert Ihre KI Entscheidungen im amtlichen Wortlaut, nicht aus dem Gedächtnis. Zum Beispiel:

„Was hat BPatG in 17 W (pat) 33/09 entschieden?“

Zitierfest in Ihrer KI einrichten