Rechtsprechung · Bundesgerichtshof
BGH, Urteil vom 01.10.2008 – IV ZR 114/07
- Spruchkörper
- 4. Zivilsenat
Tenor
Die Revision gegen das Urteil des 13. Zivilsenats des Brandenburgischen Oberlandesgerichts vom 18. April 2007 wird auf Kosten der Beklagten zurückgewiesen.
Tatbestand
Die Klägerin, eine gesetzliche Krankenkasse, nimmt die Beklagte als Haftpflichtversicherer von Pflegeheimen aus einem zwischen dem Bundesverband der Ortskrankenkassen und der Beklagten geschlossenen Teilungsabkommen, dem die Klägerin beigetreten ist, auf Ersatz von Kosten in Höhe von 17.399,05 € in Anspruch, die sie für die Heilbehandlung von 8 in Pflegeheimen gestürzte, bei ihr gesetzlich krankenversicherte pflegebedürftige Heimbewohner aufgewendet hatte. Das Teilungsabkommen enthält unter anderem folgende Regelungen:
"§ 1
(1) Kann eine diesem Abkommen beigetretene Kranken-
kasse ("K") gegen eine natürliche oder juristische Per-
son, die bei der "H" haftpflichtversichert ist, gemäß
§ 116 SGB X Ersatzansprüche aus Schadenfällen ihrer
Versicherten oder deren mitversicherten Familienange-
hörigen (Geschädigte) geltend machen, so verzichtet
die "H" auf die Prüfung der Haftungsfrage.
(2) Voraussetzung für die Anwendung des Abkommens ist
in der Kraftfahrt-Haftpflichtversicherung ein adäquater
Kausalzusammenhang zwischen dem Schadenfall und
dem Gebrauch eines Kraftfahrzeugs; bei der Allgemei-
nen Haftpflichtversicherung ein adäquater Kausalzu-
sammenhang zwischen dem Schadenfall und dem ver-
sicherten Haftpflichtbereich.
(3) Die Leistungspflicht der "H" entfällt, wenn schon auf-
grund des unstreitigen Sachverhalts unzweifelhaft und
offensichtlich ist, dass eine Schadenersatzpflicht des
Haftpflichtversicherten gar nicht in Frage kommt. Dies
gilt nicht für den Einwand des unabwendbaren Ereignis-
ses (§ 7 II StVG) und für den Fall, daß der Schaden
durch eigenes Verschulden - jedoch nicht durch Vor-
satz - des Geschädigten entstanden ist.
(4) Ferner findet in der Allgemeinen Haftpflichtversicherung
das Abkommen keine Anwendung, wenn nach dem un-
streitigen Sachverhalt kein objektiver Verstoß gegen
Sorgfalts- und Verhaltensvorschriften vorliegt.
…
(8) Das Abkommen ist nur insoweit anwendbar, als die "H"
für den Schadenfall Versicherungsschutz zu gewähren
hat. …
(9) Die "H" ersetzt der "K"
…
b) in übrigen Fällen der Allgemeinen Haftpflichtversiche-
rung 45% der von ihr zu gewährenden Leistungen im
Rahmen des § 4 dieses Abkommens.
…"
Die Beklagte meint, das Teilungsabkommen sei nicht anwendbar, weil es an dem nach § 1 Abs. 2 Halbs. 2 des Teilungsabkommens (TA) erforderlichen adäquaten Kausalzusammenhang zwischen dem Schadenfall und dem versicherten Haftpflichtbereich fehle. Hierzu genüge es nicht, dass die Verletzten einer der drei Pflegestufen des § 15 Abs. 1 SGB XI zugeordnet worden und im Rahmen ihres stationären Heimaufenthalts gestürzt seien. Allein aus dem Umstand, dass ein Heimbewohner gestürzt sei, könne nach der Grundsatzentscheidung des Bundesgerichtshofs vom 28. April 2005 (BGHZ 163, 53) nicht auf eine schuldhafte Pflichtverletzung des Pflegepersonals geschlossen werden. Vielmehr könne sich in dem Sturz auch nur das allgemeine Lebensrisiko verwirklicht haben, für das der Haftpflichtbereich nicht eröffnet sei.
Die Klage hatte in den Vorinstanzen Erfolg. Mit ihrer Revision erstrebt die Beklagte die Abweisung der Klage.
Gründe
Die Revision hat keinen Erfolg.
I. Nach Auffassung des Berufungsgerichts ist das Teilungsabkommen bereits dann anwendbar, wenn es nicht offensichtlich und unzweifelhaft aufgrund eines unstreitigen Sachverhalts an einem erkennbaren Ursachenzusammenhang zwischen dem Schaden und einem unter den Versicherungsschutz fallenden Verhalten des Versicherungsnehmers fehle. Daher genüge es, wenn das Schadenereignis seiner Art nach in den Gefahrenbereich falle, für den der Haftpflichtversicherer Versicherungsschutz zu gewähren habe. Es sei nicht zweifelhaft, dass Schadensersatzansprüche wegen Sturzverletzungen der Heimbewohner ihrer Art nach in den Gefahrenbereich fielen, für den der Haftpflichtversicherer Versicherungsschutz zu gewähren habe. Es genüge, wenn nach der Lebenserfahrung die Möglichkeit bestehe, dass Haftpflichtansprüche gegen den Haftpflichtversicherer aus Anlass des Schadenereignisses erhoben werden. Ob die Schadenfälle tatsächlich auf eine Pflichtverletzung des Heimbetreibers oder des Pflegepersonals zurückzuführen seien und der Haftpflichtversicherte daher das Haftungsrisiko im Einzelfall habe beherrschen können, komme es nicht an, weil dies die Haftungsfrage betreffe, auf deren Prüfung die Vertragsparteien verzichtet hätten.
II. Das Berufungsurteil ist richtig. Der Senat hat durch Urteil vom heutigen Tag in der Sache IV ZR 285/06 im selben Sinne entschieden. Er hat das klagabweisende Urteil des Oberlandesgerichts Naumburg vom 18. Oktober 2006 (6 U 85/06) aufgehoben, das Urteil des Landgerichts geändert und der Klage einer anderen Allgemeinen Ortskrankenkasse aus demselben Teilungsabkommen gegen dieselbe Beklagte stattgegeben. Der Anwendungsbereich des Teilungsabkommens ist nach § 1 Abs. 2 TA bereits dann eröffnet, wenn der wegen der Verletzung des Heimbewohners geltend gemachte Schadensersatzanspruch, sein Bestehen unterstellt, unter das versicherte Wagnis fallen würde. Ob der Anspruch begründet ist, also dem Versicherungsnehmer unter anderem eine objektive Pflichtverletzung anzulasten ist, ist dagegen unerheblich, weil es dabei um die Haftungsfrage geht, auf deren Prüfung die Parteien verzichtet haben, und weil jede andere Auslegung dem Wortlaut und dem Zweck des Teilungsabkommens widersprechen würde. Wegen der Einzelheiten der Begründung wird auf das Senatsurteil verwiesen.
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